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Plakat Jingle Bells
 
JINGLE BELLS
Die Weihnachtsrevue 1998 aus dem Friedrichstadtpalast Berlin

„Schreib doch einfach ein paar Gedanken auf, die sich bei Dir einstellen, wenn Du an den Palast denkst.“ Leicht gesagt, ein paar Gedanken. Allein wenn ich an die unzähligen Geschichten denke, die sich bei über 250 mal „Kinderquatsch mit Michael“ ereignet haben. Mein Gott, da waren schon ein paar Klopse dabei, die bei mir unauslöschlich mit meiner Zeit im Friedrichstadtpalast verbunden sind. Hinter und auf der Bühne. Mittlerweile schon berühmt, die Antwort der kleinen Fünfjährigen, die auf die Frage, was sie denn einmal werden möchte, meinte: „Wenn ich Busen kriege Mutti, wenn nicht dann Lehrerin.“ Natürlich gäbe es auch aus den diversen anderen TV-Shows genügend Schmonzetterl zu erzählen, aber wenn ich überlege, was für mich den Friedrichstadtpalast ausmacht, dann fallen mir keine Fernsehsendungen ein, dann erinnere ich mich vor allem an die zwei Jahre, in denen ich als Mitglied des Ensembles bei "Jingle Bells" Palast-Luft schnuppern durfte.

Klar, als Zuschauer kannte ich Europas größtes Showtheater längst, aber es macht schon einen gewaltigen Unterschied, ob man staunt, dass Solist X oder Y von oben eingeschwebt kommt, oder ob man selber hoch über den Köpfen des Publikums seinen Text abliefern soll. Auch die Erinnerung an das mulmige Gefühl, als es in meinem „Fluggerät“ zum ersten Mal über die „Kante“ ging, und ich kaum mehr wagte nach unten zu sehen, ist für mich der Palast. Um nicht zu verkrampfen, hab ich mir in diesem Moment immer Rudolphs Arie in "La Bohème" vorgekalauert: „Wie patschnass ist dies Händchen“. Ich war wirklich jedes Mal heilfroh, dass mir das Mikrophon nicht aus der Hand gerutscht war.   Angeblich gewöhnt man sich ja an fast alles, aber ich gebe gerne zu, ich war nicht unglücklich, dass bei der nächsten Weihnachts-Produktion mein Auftritt „durch die Mitte“  stattfand. Dadurch war ich vor dem Opening auch nicht mehr weit weg von den Kollegen, sondern mitten im Geschehen:
 
Das konzentrierte „Warm-Machen“ der vielen Tänzerinnen und Tänzer, das Einsingen der Kollegen im „Fast-Dunkel“ hinter der Bühne, alles so viel größer und imposanter, als ich es von anderen Theatern kannte, ist tief in meinem Gedächtnis eingestanzt.

Und erst mein Auftritt als Kammersänger! In Russisch!!! „Aber ich hab doch 10 Jahre in Frankreich gelebt, spreche Englisch, auch ein bisserl Italienisch, klar kann ich mir ein russisches Weihnachtslied draufschaffen“, wie oft ich diese Behauptung im Büro des Intendanten bereuen musste, hab ich nicht gezählt. Was habe ich an der Aussprache gebüffelt. Zusätzlich inszenierte mir die Regie ein großes Notenbuch mit dem Text (in Lautschrift) in meine Hände, sozusagen als Rettungsring. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. Welch Tiefschlag, dass trotzdem immer wieder Kollegen kamen und vorsichtig fragten, was ich da eigentlich singen würde. „Wenn Du in einer Kneipe in Athen versuchen würdest, deinen Nachbarn auf altgriechisch anzuquatschen, wärst Du wahrscheinlich ähnlich erfolgreich“ mit dieser Bemerkung erlöste mich mein „Alt-Russisch-Professor“ aus tiefster Depression...
 
Apropos Depression. Ich liebe Gedichte. Lerne auch gern mal eines…nur so zum Zeitvertreib…ganz egal wie lang. Wenn andre Witze erzählen...ich trage lieber ein Gedicht vor. Förmlich angebettelt habe ich den viel zu früh verstorbenen Intendanten, Sascha Iljinski, bei der ersten Buchbesprechung, an irgendeiner Stelle im Programm, ein Gedicht aufsagen zu dürfen. Also hat er mir im Finale ein stimmungsvolles Weihnachtsgedicht zugeschanzt, und - ??? - bleibe doch tatsächlich bei der Premiere hängen. Irgendwie kam ich zwar über die Runden, war aber derart verunsichert, weil ich ausgerechnet in meiner  Lieblingsdisziplin versagt hatte, dass mir im daran anschließenden „STILLE NACHT“ gleich noch mal der Text wegblieb. Nicht in Vers drei oder vier, nein, gleich im ersten und im zweiten! Leider auch nicht mit dem Ensemble zusammen, sondern an meinen Solostellen.

„Wo Du stehst ist vorn“, dieser Uralt-Bühnenregel gehorchend, hab ich aus dem Stehgreif weiter gereimt und dabei Unmengen goldener Haare verschleißend, konnte ich auch diese Klippe hinter mich bringen. Nach der ansonsten, Gott sei Dank,  sehr stimmungsvollen Premiere, meinte Sascha nur lapidar, er glaube nicht, dass sich meine neuen Gedicht- und Liedtexte bundesweit durchsetzen würden.“ Noch heute bin ich ihm für diesen gnädigen Kommentar dankbar. Meine Enttäuschung über meine „Glanzleistung“ war groß genug.

Der "Lebkuchenmann" ist übrigens  - wie auch die Verkehrsvideos - eine Aufzeichnung mit dem Kinder- & Jugendensemble des Friedrichstadtpalasts: